SARAH WINNEMUCCA

Sarah Winnemucca Sarah Winnemucca im selbstentworfenen Vortragskostüm (um 1880).
Schon vor ihren politischen Auftritten hatte sich Sarah Winnemucca Bühnenerfahrung aneignen können, als sie als Zwanzigjährige mit Vater und Schwester in Virginia City (Nevada) und San Francisco "Tableaux Vivants (Lebende Bilder) aus dem Indianerleben" darbot. Dabei stellten die Schausteller auf der Bühne in einer Phantasielandschaft Szenen aus ihrem Alltagsleben dar. Auf ihren Vortragsreisen versetzte ihr eloquenter Umgang mit der englischen Sprache das weiße Puplikum in Erstaunen. Begeisterte Journalisten nannten sie eine "Prinzessin" und "die neue Pocahontas".

Sarah Winnemucca (1844-1891) gelang es, in einem Mape auf die Indianerpolitik der USA Einfluß zu nehmen, wie es das damals herrschende Gesellschaftssystem sonst weder einer Frau noch einer Angehörigen der Ureinwohner bereit war zuzugestehen. Aber vielleicht lag es daran, daß sie die Tochter des Northern-Paiute-Anführers Old Winnemucca war und daß es den Paiute-Frauen als Ernährerinnen der Familie nicht an Selbstbewußtsein mangelte: Jedenfalls wurde Sarah Winnemucca zu einer populären Verfechterin der Rechte ihres Volkes - und zu einer der umstrittensten Figuren in der Geschichte des indianischen Nordamerikas.

Unter dem Einfluss ihres Großvaters, der den Weißen immer sehr wohlgesonnen war, als eine Paiute aufgewachsen, aber ab dem Alter von zehn Jahren teilweise in weißen Haushalten in Kalifornien erzogen, war es Sarah Winnemucca vorbestimmt, eine Vermittlerrolle einzunehmen. Sie arbeitete für Indianeragenturen der Regierung und für die Armee, und sie wies den Paiute in einer von ihr gegründeten Schule einen Weg zur "Zivilisation". Heutige indianische Politaktivisten würden sie daher wohl der Kategorie "Apfel-Indianer" zurechnen: "außen rot und innen weiß".

Allerdings hatte Sarah Winnemucca eine sehr persönliche Auffassung vom Pfad der Paiute in die amerikanische Gesellschaft. Unermüdlich kritisierte sie in Interviews und Vorträgen die Bevormundung ihres Volks durch korrupte Angestellte des Indianerbüros, die ihre Stellung zur eigenen Bereicherung nutzten. "Wenn dies die Zivilisation ist, die uns dort erwartet", sagte sie einmal, "gebe Gott, daß wir nie in eine Reservation gehen müssen."
Am liebsten hätte sie ihre Leute per Schiff nach Ellis Island gebracht, um ihnen als Einwanderern die vollen Bürgerrechte ohne wenn und aber zu verschaffen.

Nach der Umsiedlung der Northern Paiute in die - nomen est omen - Malheur Reservation in Oregon gerieten sie 1876 in die Klauen des Agenten William Rinehart, der die dürftigen Erträge ihrer noch jungen Landwirtschaft konfiszierte und es nicht für nötig hielt, die Paiute zu konsultieren, als er ihr bestes Land an Weiße verpachtete. Damit trieb er viele von ihnen auf die Seite der Bannock, die sich 1878 gegen die Weißen erhoben.
Sarah vermochte zwar als Dolmetscherin der Armee die Gruppe ihres Vaters aus dem militärischen Konflikt herauszuhalten, die meisten ihrer Verwandten aber wurden nach Ende des Bannock-Kriegs auf die Yakima Reservation in Washington verbannt, wo sie ein elendes Dasein fristeten. Obwohl Sarah die Zusage des Innenministers zur Rückkehr der Paiute in ihre Heimat erhielt, erging gleichzeitig die Order aus Washington, die Paiute seien unter keinen Umständen freizulassen.

Wie sehr man in Washington Sarahs öffentliche Kritik fürchtete, wird an der vulgären Kampagne deutlich, mit der das Bureau of Indian Affairs (BIA) sie als ständig betrunkene, sexuell freizügige und gewalttätige Spielerin zu diffamieren suchte. Ihr aufbrausendes Temperament, vier unglückliche Ehen und die den Paiute eigene Neigung zum Glücksspiel boten genügend Stoff für böswillige Gerüchte.

1883/84 hielt sie in Städten an der Ostküste über 300 Vorträge, in denen sie einem breiten Puplikum die Anliegen ihres Volks näher brachte und Spenden sammelte. Ihrer Bekanntschaft mit den reichen Schwestern Elizabeth Peabody (1804-1894), einer bekannten Schulreformerin, und Mary Mann verdanke sie die Einführung in das politische und intellektuelle Establishment von Neuengland. Die Schwestern halfen bei der Finanzierung von Sarahs Schulprojekt in Nevada, wo die von ihr zweisprachig unterrichteten Paiute-Kinder bemerkenswerte Fortschritte machten.
Der General Allotment Act von 1887, den Sarah im persönlichen Gespräch mit seinem Verfasser, Senator Henry Dawes (1816-1903), und vor dem Unterausschuss des Senats unterstützt hatte, bedeutete allerdings das Ende ihrer Schule, denn Indianerkinder durften von nun an nicht mehr in unabhängigen, von Indianern geführten Schulen unterrichtet werden.

Begeisterte Aufnahme bei ihren Anhängern fand ihr Buch Life Among the Piutes, das 1883 unter tatkräftiger Mithilfe von Mary Mann veröffentlicht wurde. Das Werk, in dem sie für die Bürgerrechte der Indianer Partei ergriff, wurde ganz nebenbei auch zur ersten selbstverfassten indianischen Autobiographie der amerikanischen Literaturgeschichte.

Krank und desillusioniert starb Sarah Winnemucca 1891 fern ihrer Heimat im östlichen Idaho.

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© 2001 siegfried weny